„Greifen und Begreifen“
von Sally Goddard Blythe im VAK Verlag erschienen
In „Greifen und BeGreifen – Wie Lernen und Verhalten mit frühkindlichen Reflexen zusammenhängen“ führt Sally Goddard Blythe den Leser behutsam in die komplexe Welt der frühkindlichen Reflexe ein. Blythe, eine renommierte Expertin auf dem Gebiet der kindlichen Entwicklung, verbindet in diesem Werk wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Anwendungsbeispielen, die sowohl Eltern als auch Fachkräfte im Bildungs- und Therapiebereich sofort anwenden können.
Der Kern der Abhandlung liegt auf der These, dass viele Lern- und Verhaltensschwierigkeiten im Vorschul und Grundschulalter frühkindliche Reflexe widerspiegeln oder beeinträchtigt bleiben, wenn diese Reflexe nicht ordnungsgemäß integriert werden. Blythe erläutert anschaulich, wie primitive Reflexe – wie der Schreitreflex, der Mororeflex oder die Landau Reaktion – im Entwicklungsverlauf normalerweise durch reife, kontrollierte Bewegungsmuster ersetzt werden. Wird dieser Übergang gestört, können motorische Ungeschicklichkeiten, Aufmerksamkeitsprobleme, sensorische Überempfindlichkeiten und Verhaltensauffälligkeiten entstehen.
Das Werk ist klar gegliedert, nach einer theoretischen Einführung, die sowohl historische Perspektiven als auch moderne Befunde aus Neurowissenschaften, Pädagogik und Ergotherapie berücksichtigen, folgen praxisnahe Kapitel, in denen Beobachtungsinstrumente, einfache Screening- Methoden und konkrete Interventionen vorgestellt werden. Die Leserinnen und Leser erhalten Schritt-für-Schritt-Anleitungen, wie Reflexe beobachtet, bewertet und gezielt durch spielerische Übungen integriert werden können. Dabei legt Blythe großen Wert auf Alltagstauglichkeit: Die Übungen sind leicht in den Familienalltag oder in den Schulkontext integrierbar, ohne dass spezielle Ausrüstung notwendig wäre.
Ein besonderer Reiz des Buches liegt in der differenzierten Betrachtung von individuellen Unterschieden. Blythe betont, dass kein Kind einfach „problemlos“ skaliert werden kann, sondern dass Reflex-Integrationsprozesse stark von Kontextfaktoren wie Routine, Schlaf, Ernährung und emotionaler Sicherheit abhängen. So werden auch familiäre Dynamiken und pädagogische Beziehungen als zentrale Einflussgrößen adressiert.
Die Praxiskapitel schildern reale Situationen aus dem Alltag. Die Autorin zeigt, wie eine individuelle Reflextherapie Schritt für Schritt angepasst werden kann – von kurzen, spielerischen Übungen bis hin zu strukturierteren Routinen in Therapieräumen oder Klassenräumen. Es werden sowohl eher zeitintensive, kontinuierliche Interventionen als auch flexibel und schnell durch zu führende praxisnahe Beispiele erläutert.
Insgesamt ist „Greifen und BeGreifen“ eine bemerkenswert praxisnahe Fundgrube für Eltern, Pädagogen, Therapeuten und alle, die an einer ganzheitlichen Sicht auf kindliche Entwicklung interessiert sind. Leserinnen und Leser gewinnen nicht nur Verständnis für die Bedeutung frühkindlicher Reflexe, sondern auch konkrete Werkzeuge, um Lern- und Verhaltensprozesse positiv zu beeinflussen.
Ich kann diese Lektüren allen ans Herz legen, welche ihr Wissen für die das Verständnis von Lernprozessen im Säuglings- und Kindesalter vertiefen möchten. Das Buch verbindet fundierte Wissenschaft mit praxisnahen Strategien und lädt dazu ein, Reflexe als Schlüssel zu einem ganzheitlicheren Verständnis von Lernen und Verhalten zu begreifen.
Kerstin Burtscher
(dipl. Kräuterpädagogin, Freizeitpädagogin, Kinder- und Teenieyogalehrerin)